Ich habe meinen lang gehegten Traum verwirklicht: Eine Radreise entlang der legendären Seidenstraße. Dieser historische Handelsweg ist kein einzelner Pfad, sondern ein ganzes Netzwerk von Routen, das einst China mit Europa verband
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. Auf meinem Fahrrad folge ich den Spuren alter Karawanen durch Wüsten, Steppen und Hochgebirge. Jede Kurbelumdrehung bringt mich in neue Länder mit einzigartiger Landschaft und Kultur. Die Reise ist ebenso herausfordernd wie bereichernd.
Türkei: Start am Tor zu Asien
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In Istanbul tauche ich ein in den Schmelztiegel zwischen Europa und Asien. Beim Überqueren der Bosporus-Brücke spüre ich die Bedeutung dieses Ortes als historische Drehscheibe. Hinter der Stadt dehnen sich weite anatolische Ebenen. Ich radle vorbei an kleinen Dörfern und Feldern unter endlosem Himmel. Die Straßen sind ruhig, die Luft riecht nach Thymian und Staub.
Von Zentralanatolien lockt mich Kappadokien mit seinen bizarren Tuffsteinfelsen. Im Morgengrauen steigen bunte Heißluftballons über den Feenkaminen in den Himmel. In einer alten Karawanserei nahe Konya stelle ich mir vor, wie Händler hier vor Jahrhunderten Rast machten. Weiter östlich wird die Landschaft bergiger. Ich kämpfe mich über Pässe im Taurusgebirge. Die Nächte verbringe ich im Zelt unter einem brillanten Sternenhimmel. Schließlich erreiche ich die Osttürkei: Schneebedeckte Gipfel wie der Ararat tauchen am Horizont auf. An der Grenze bei Doğubeyazıt verabschiedet mich die Türkei mit einem letzten Tee, bevor ich in den Iran hinüberrolle.
Iran: Persische Kultur und Wüstenwind
Kaum im Iran, umfängt mich die berühmte persische Gastfreundschaft. In Täbris werde ich spontan von einer Familie zum Essen eingeladen. Wir sitzen auf Teppichen und teilen duftenden Reis und Kebap. Die historische Seidenstraße führte durch diese Region und die alten Basare hier lassen erahnen, wie lebhaft der Handel einst war. Im überdachten Basar von Täbris – einem der ältesten Basare der Welt – schlendere ich staunend durch Gassen voller Teppiche, Gewürze und Kupferwaren. Die Händler lächeln, fragen neugierig nach meiner Reise. Ich genieße das Gefühl, willkommen zu sein.
Die Strecke führt weiter Richtung Osten. Vor Teheran merke ich, wie der Verkehr zunimmt – ein hektischer Kontrast zur Ruhe der Dörfer. Ich umgehe das größte Gewimmel der Hauptstadt, doch ein Abstecher zum Azadi-Turm und ein Blick auf die schneebedeckten Alborz-Berge lohnt sich. Hinter Teheran wird es einsamer. Der Wind trägt Wüstenstaub heran. Ich fahre durch weite Halbwüsten im Gebiet Chorasan. Der Asphalt flimmert vor Hitze, mein Wasservorrat ist kostbar. Ab und zu taucht eine Oase mit grünen Feldern und Lehmdörfern auf – willkommene Pausen im eintönigen Braun. In der heiligen Stadt Maschhad mischen sich Pilger unter die wenigen Touristen. Ich besuche den Außenhof des Imam-Reza-Schreins und spüre die spirituelle Atmosphäre. Bald darauf stehe ich an der Grenze zu Turkmenistan. Die iranischen Grenzbeamten winken mir freundlich nach – hinter mir liegen tausend Kilometer Persien, vor mir die unbekannte Wüste Karakum.
Turkmenistan: Durch die Karakum-Wüste
Der Übergang nach Turkmenistan fühlt sich an wie ein Zeitsprung. Plötzlich umgibt mich stilles Wüstenland. Die Straße nach Aschgabat ist schnurgerade und flach. Rechts und links nur Sand und dürres Gestrüpp. Die Sonne brennt unerbittlich. Ich lege mir ein Tuch über den Kopf und halte alle paar Kilometer für einen Schluck warmes Wasser an. Die Karakum-Wüste stellt mich vor neue Herausforderungen: endlose Horizonte, flirrende Hitze und ständige Aufmerksamkeit, genug Proviant zu haben. Doch die Wüste hat auch ihren eigenen Zauber – nachts ist der Himmel ein einziges funkelndes Sternenmeer, und im Mondlicht wirft jede Düne geheimnisvolle Schatten.
Aschgabat taucht wie eine Fata Morgana aus dem Nichts auf. Die Hauptstadt ist surreal: Weiße Marmorgebäude, breite, leere Boulevards und goldene Statuen. Ich radele staunend durch diese Geisterstadt der Moderne. Lange halte ich mich nicht auf, denn mein Transitvisum ist knapp bemessen. Weiter geht es gen Norden. Unterwegs besuche ich die Ruinen von Merw – einst eine blühende Oasenstadt der Seidenstraße. Zwischen alten Lehmziegelmauern fühle ich mich klein angesichts der Geschichte dieser Stadt, die vor über tausend Jahren Hunderttausende Einwohner zählte. Bald darauf erreiche ich den Amudarja-Fluss, der Turkmenistan von Usbekistan trennt. Eine brüchige Brücke bringt mich ans andere Ufer. Ich habe die Karakum erfolgreich durchquert und rolle nun erleichtert in Usbekistan ein.
Usbekistan: Oasenstädte Samarkand und Buchara
In Usbekistan erwartet mich das Herz der alten Seidenstraße. Schon die erste größere Stadt Buchara verzaubert mich mit ihren verwinkelten Gassen und historischen Bauwerken. Ich schiebe mein Rad durch die Altstadt, vorbei an der Kalon-Minarett und alten Medresen mit aufwendig gemusterten Kacheln. Auf dem Lyabi-Hauz-Platz sitze ich unter Maulbeerbäumen, trinke grünen Tee und lausche dem Plätschern eines Brunnens. Es fühlt sich an, als sei die Zeit stehengeblieben. Händler auf dem Basar bieten bunte Seidenteppiche und handbestickte Kappen an – direktes Erbe der Seidenstraße, die dieser Region einst Reichtum brachte.
Nach ein paar Tagen Erholung in Buchara fahre ich weiter nach Samarkand. Die Straße führt durch flache Wüstensteppe, unterbrochen von bewässerten Baumwollfeldern. Der Gegenwind kann hier gnadenlos sein und zehrt an meinen Kräften. Doch die Aussicht auf Samarkand treibt mich an. Und tatsächlich, als ich Samarkand erreiche, sind alle Strapazen vergessen. Vor mir liegt der Registan-Platz im Abendlicht – drei mächtige Medresen mit türkisblauen Kuppeln rahmen den Platz ein und scheinen im Gold der untergehenden Sonne zu glühen. Ich stehe mit Gänsehaut inmitten dieses Weltkulturerbes. Samarkand gilt als Juwel der Seidenstraße und ich kann sofort verstehen, warum. Am nächsten Morgen besuche ich das Gur-Emir-Mausoleum und die Nekropole Schah-e-Sende. Jeder Winkel dieser Stadt atmet Geschichte. Beim Bummel über den Siab-Basar gönne ich mir frisch gebackenes Fladenbrot und süße Melonen. Ich komme mit neugierigen Usbeken ins Gespräch, erzähle von meiner Route und werde mit herzlichem Lächeln verabschiedet. Nach diesen kulturellen und landschaftlichen Höhepunkten der Seidenstraße fällt es schwer, weiterzuziehen. Doch der Pamir ruft – mein nächstes Abenteuer wartet im Hochgebirge Tadschikistans.
Tadschikistan: Über das Dach der Welt im Pamir
Hinter der usbekischen Grenze windet sich die Straße hinauf in die Ausläufer des Pamir-Gebirges. Tadschikistan begrüßt mich mit spektakulären Bergpanoramen. Schnell wird klar, warum das Pamir-Hochland auch als “Dach der Welt” bezeichnet wird. Die Luft wird dünner, das Atmen anstrengender. Ich folge dem Verlauf des Panj-Flusses und blicke auf der gegenüberliegenden Seite auf Afghanistan. Nur der schmale Fluss trennt mich vom afghanischen Wakhan-Korridor. Ich radle durch kleine tadschikische Dörfer, in denen Kinder lachend hinter mir herlaufen und „Salom!“ rufen. Die Menschen hier leben einfach und hart, doch ihre Herzlichkeit ist überwältigend. In der Ferne glitzern immer wieder schneebedeckte Gipfel über 6000 Meter Höhe.
Die Königsdisziplin meiner Reise ist die Überquerung des Ak-Baital-Passes. In über 4.600 Metern Höhe ist er der höchste Punkt der Pamir-Highway-Route
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Früh am Morgen starte ich den Anstieg, eingepackt in alle meine warmen Kleider. Der Atem kondensiert in der kalten Höhenluft. Kehre um Kehre kämpfe ich mich voran. Jeder Tritt in die Pedale kostet Kraft, mein Herz pocht bis zum Hals. Schließlich erreiche ich schnaufend den Pass. Auf der Passhöhe steht ein schlichtes Schild – 4.655 m. Ich kann es kaum fassen, dass ich mit dem Fahrrad hier bin. Um mich herum eine Mondlandschaft: kahle Berge, Geröll, ein stahlblauer Himmel. Unten im Tal glitzert der Karakul-See in tiefem Blau. Stolz und erschöpft genieße ich für einen Moment die Stille und die überwältigende Aussicht. Die darauf folgende Abfahrt ist rasant und kühl. Mit steifen Fingern klammere ich mich an den Lenker, während ich hinab in Richtung Kirgistan rolle. Kurz vor der Grenze in Murghob fülle ich noch einmal alle Vorräte auf. Der Pamir hat mich Demut gelehrt – vor der Natur, vor den eigenen Grenzen. Jetzt freue ich mich auf die grünen Täler Kirgistans.
Kirgistan: Grüne Weiden und Nomadenleben
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Ein paar Pedaltritte weiter öffnet sich die Landschaft und wird sanfter. In Kirgistan wechseln die Eindrücke schlagartig: Statt Felswüste nun saftige Wiesen, glasklare Bäche und weidende Pferde. Ich radele durch das weite Alay-Tal, umgeben von sanften Hügeln und am Horizont schimmernden Schneegipfeln. Hier leben Nomaden, die in traditionellen Jurten auf den Sommerweiden, den Jailoos, wohnen. Neugierig steuere ich auf eine Gruppe Jurten zu. Eine kirgisische Familie heißt mich willkommen. Ich darf frisch fermentierte Stutenmilch – Kumys – probieren. Der Geschmack ist gewöhnungsbedürftig, aber die Geste rührt mich. Wir kommunizieren mit Händen und Füßen und viel Lachen. Zum Abschied bekomme ich sogar ein trockenes Stück Käse und Brot für den Weg mit.
Kirgistan ist ein Radler-Paradies. Nach den Strapazen des Pamir wirkt die grüne Hügellandschaft fast entspannend. Dennoch geht es ständig bergauf und bergab – langweilig wird es nie. Ich passiere den türkisblauen Hochgebirgssee Karakul (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen See in Tadschikistan) und campe eine Nacht am Ufer, umgeben von völliger Einsamkeit. Die Milchstraße zieht sich in dieser klaren Nacht wie ein helles Band über den Himmel. Am nächsten Tag treffe ich andere Radreisende auf dem Weg nach Osch, der zweitgrößten Stadt des Landes. Im Gespräch tauschen wir Tipps und Erlebnisse aus. In Osch fülle ich meine Vorräte auf dem lebhaften Basar auf – es gibt frisches Obst, Nüsse und sogar deutsches Süßgebäck. Meine letzte Etappe in Zentralasien führt mich über den Taldyk-Pass Richtung chinesische Grenze. Ein letzter anstrengender Anstieg, dann ein Schild: „China 5 km“. Mit klopfendem Herzen rolle ich zum Grenzübergang Irkeschtam. Ich verlasse Zentralasien mit einem Kopf voller unvergesslicher Bilder: Jurten in sattgrünen Tälern, galoppierende Reiter, majestätische Berge. Vor mir liegt nun der riesige Westen Chinas.
China: Wüsten, Berge und das Ende der Seidenstraße
Hinter der Grenze empfängt mich Xinjiang, das uigurische Autonomiegebiet im fernen Westen Chinas. Die Kultur wandelt sich erneut schlagartig. In der Oasenstadt Kaschgar fühle ich mich eher wie im Orient als im Reich der Mitte. Auf dem sonntäglichen Viehmarkt drängen sich Händler mit ihren Schafen, Ziegen und Kamelen; es riecht nach Gewürzen und gegrilltem Fleisch. Ich besuche die Id-Kah-Moschee und fahre durch die engen Gassen der Altstadt, wo Handwerker Kupfergeschirr hämmern. Kaschgar war jahrhundertelang ein Knotenpunkt der Seidenstraße, und noch heute spürt man den Hauch der alten Karawanen. Doch mein Weg führt weiter nach Osten, tiefer hinein nach China.
Ich stehe vor der gewaltigen Taklamakan-Wüste – der zweitgrößten Sandwüste der Erde
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. Anstatt sie komplett zu durchqueren, folge ich einer nördlichen Route am Rand entlang. Trotzdem bekomme ich den Wüstenwind zu spüren. Die Straße ist neu und gut ausgebaut, aber oft lege ich Strecken im Bus zurück, wo radeln verboten oder zu gefährlich ist. Gelbe Sanddünen erstrecken sich endlos bis zum Horizont. In der Ferne tanzen Luftspiegelungen. Alle paar Stunden taucht eine kleine Oase mit Pappelalleen und Melonenständen am Straßenrand auf – willkommene Rastplätze für mich. Nach Tagen in der Wüste erreiche ich Dunhuang, eine einstige Oasenstadt am Rande der Wüste Gobi. Hier gönne ich mir eine Pause und besuche die berühmten Mogao-Grotten mit ihren jahrhundertealten buddhistischen Wandmalereien. Die Sanddünen von Dunhuang besuche ich im Abendlicht – der Gesang der Dünen beim Herunterlaufen ist ein unvergessliches Erlebnis.
Weiter geht es durch den Hexi-Korridor, dem natürlichen Durchgang zwischen Wüste und Hochgebirge, der seit jeher die Route der Seidenstraße vorgibt. In Jiayuguan bestaune ich den westlichsten Abschnitt der Chinesischen Mauer – ein gewaltiges Festungstor markiert das „Ende der Welt“ aus Sicht der alten Kaiserreiche. Danach ändert sich die Landschaft: Es wird grüner, dichter besiedelt. Ich passiere Lanzhou am Gelben Fluss und nähere mich meinem Endziel Xi’an. Die letzte Etappe ist emotional. Nach Monaten und Tausenden von Kilometern rolle ich durch das Stadttor von Xi’an, der alten Kaiserstadt, die einst Chang’an hieß. Hier endete die Seidenstraße, und hier endet auch meine Reise. Vor der prächtigen Wildgans-Pagode halte ich an und lasse die vergangenen Monate Revue passieren.
In Xi’an besuche ich als krönenden Abschluss die Terrakotta-Armee des ersten Kaisers von China. Ich stehe staunend vor den hunderten Tonfiguren – ein eindrucksvoller Abschluss meiner langen Fahrt. Mit meinem Fahrrad habe ich Wüsten und Gebirge bezwungen, in Jurten und Karawansereien übernachtet, unzählige faszinierende Begegnungen gehabt. Ich bin durch so viele Welten geradelt und doch war alles Teil einer verbundenen Geschichte – der Geschichte der Seidenstraße, die Kontinente und Kulturen verknüpft. Meine Beine sind müde, aber mein Geist ist erfüllt von den Bildern und Geschichten dieser Reise. Ich fühle mich reich beschenkt und um viele Erfahrungen und Freunde reicher. Die Seidenstraße mit dem Fahrrad zu bereisen, war ein Abenteuer fürs Leben – herausfordernd, lehrreich und tief erfüllend.
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