Dispo – Rettungsanker oder Schuldenfalle? Ein nüchterner Blick auf die teuerste Kreditlinie Deutschlands
Rund 40 Prozent aller Girokontoinhaber in Deutschland nutzen ihren Dispositionskredit mindestens gelegentlich. Das sind Millionen von Menschen, die jeden Monat – manchmal bewusst, manchmal fast unbemerkt – in den roten Bereich rutschen und dafür einen Preis zahlen, der im Vergleich zu fast jeder anderen Kreditform schlicht exorbitant ist. Zwischen 10 und 14 Prozent effektiver Jahreszins sind beim Dispo die Regel. Einzelne Institute liegen noch darüber. Zum Vergleich: Ein Ratenkredit kostet aktuell je nach Bonität zwischen 3 und 8 Prozent. Der Dispo ist teuer – strukturell, systematisch und oft ohne dass die Betroffenen das wirklich auf dem Schirm haben.
Dabei ist er so bequem. Er ist einfach da. Keine Beantragung, keine Schufa-Anfrage im Moment der Nutzung, keine Laufzeit, keine Raten. Man überweist, der Kontostand wird negativ, das Leben geht weiter. Genau das macht ihn gefährlich – nicht als einmalige Überbrückung, sondern als Dauerzustand.
Wie der Dispo entsteht – und warum Banken ihn so gerne vergeben
Der Dispositionskredit wird von der Bank in aller Regel automatisch eingerichtet, sobald ein regelmäßiger Geldeingang auf dem Konto erkennbar ist. Zwei bis drei Monatseingänge reichen oft, um einen Rahmen in Höhe von zwei bis drei Nettogehältern zu erhalten – ohne aktive Anfrage, ohne Gespräch, einfach als stille Erweiterung des Kontolimits. Viele Kontoinhaber bemerken das gar nicht, bis sie das erste Mal darunter rutschen.
Das Geschäftsmodell dahinter ist transparent, wenn man es einmal betrachtet: Der Dispo ist für Banken eine der margenstärksten Produkte im Privatkundengeschäft. Anders als bei Ratenkrediten gibt es keine aufwändige Bonitätsprüfung bei jeder Inanspruchnahme, keine girokonto eroeffnen https://girokonto-eroeffnen.com/ Verwaltungskosten für Tilgungspläne, keine Notwendigkeit für aktives Vertriebsgespräch. Der Kunde nutzt ihn selbst – und zahlt dafür einen Zinssatz, der in Zeiten niedriger Leitzinsen kaum nach unten angepasst wurde, aber in Zeiten steigender Zinsen schnell mitging. Die Asymmetrie ist bemerkenswert: Sparzinsen hinken dem Leitzins regelmäßig hinterher, Dispozinsen eilen ihm voraus.
Die Stiftung Warentest und die Verbraucherzentrale haben das Thema über Jahre begleitet und regelmäßig Banken mit unangemessen hohen Dispozinsen benannt. Der politische Druck hat dazu geführt, dass Banken seit einigen Jahren verpflichtet sind, Kunden bei dauerhafter Überziehung aktiv auf günstigere Alternativen hinzuweisen. Ob das in der Praxis passiert und wie es passiert, ist eine andere Frage.
Dauerdispo: Wenn aus der Ausnahme ein Finanzierungsmodell wird
Die eigentliche Problematik liegt nicht in der gelegentlichen Nutzung. Wer im November das Konto kurz überzieht, weil Urlaub, Weihnachtseinkäufe und eine Autoreparatur zusammenfallen, und im Januar wieder im Plus ist – der zahlt ein paar Euro Zinsen und hat das System so genutzt, wie es gedacht ist. Unangenehm teuer, aber kein strukturelles Problem.
Anders sieht es aus, wenn das Konto dauerhaft im Minus bleibt. Wer jeden Monat sein Gehalt bekommt, damit zuerst den Dispo ausgleicht, dann die laufenden Kosten bezahlt und dann wieder ins Minus rutscht – der sitzt in einer Falle, die sich monatlich vertieft. Die Zinsen laufen weiter, der Ausgleich wird immer schwerer, und der psychologische Effekt des "irgendwie kommt man durch" verhindert, dass die Situation als das erkannt wird, was sie ist: ein teurer Kredit ohne Rückzahlungsplan.
Zahlen helfen das zu illustrieren. Wer dauerhaft 2.000 Euro im Dispo steht und 12 Prozent Zinsen zahlt, gibt dafür 240 Euro im Jahr aus. Klingt überschaubar. Über fünf Jahre sind das 1.200 Euro – für Zinsen auf einen Betrag, der sich nie verändert, weil nie ein echter Rückzahlungsplan existiert. Ein Ratenkredit über 2.000 Euro mit drei Jahren Laufzeit und 6 Prozent Zinsen würde insgesamt rund 190 Euro Zinsen kosten. Der Unterschied ist nicht abstrakt – er ist mehrere hundert Euro, die einfach weg sind.
Der sinnvolle Schritt in dieser Situation ist ein sogenannter Umschuldungskredit: Den Dispo-Betrag als regulären Ratenkredit aufnehmen, damit den Dispo ausgleichen, Kredit in festen Raten zurückzahlen. Niedrigerer Zinssatz, fester Rückzahlungsplan, Ende absehbar. Das klingt nach einem bürokratischen Akt, ist aber oft ein Telefongespräch oder ein Online-Antrag. Viele machen es trotzdem nicht – weil der Dispo unsichtbar bleibt und der Kredit sichtbar wäre. Psychologisch verständlich. Finanziell irrational.
Was tun – konkrete Optionen jenseits des Aussitzens
Wer seinen Dispo reduzieren oder loswerden will, hat mehrere Hebel. Der direkteste: den Disporahmen bei der Bank aktiv absenken oder streichen lassen. Das klingt kontraintuitiv – warum auf einen Puffer verzichten? Aber für Menschen, die wissen, dass sie den Dispo nutzen, wenn er da ist, ist die Abwesenheit des Rahmens die wirksamste Verhaltensänderung. Kein Rahmen, keine Versuchung, keine Überziehung.
Wer die Flexibilität behalten will, aber den Zinssatz senken möchte, kann einen Kredit-Rahmenvertrag oder eine Kreditlinie mit deutlich niedrigerem Zinssatz beantragen – manche Banken bieten diese als Alternative zum klassischen Dispo an, oft unter Bezeichnungen wie "Flexikredit" oder "Kreditlinie". Die Konditionen variieren stark, aber der Unterschied zu 12 Prozent Dispozins ist fast immer signifikant.
Und dann gibt es den simpelsten, aber am häufigsten übersehenen Weg: Ein Girokontowechsel zu einer Bank mit niedrigerem Dispozins. Direktbanken und Neobanken liegen hier oft 2 bis 4 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der Filialbanken. Wer dauerhaft im Minus wirtschaftet, spart damit real Geld – jeden Monat, ohne sein Verhalten zu ändern.
Der Dispo ist kein Bankprodukt, das man meidet wie ein Tabu. Er ist ein Werkzeug – und wie alle Werkzeuge ist er nützlich, wenn man ihn für den richtigen Zweck und im richtigen Maß einsetzt. Das Problem ist nicht der Dispo selbst. Das Problem ist, wenn man aufgehört hat, ihn als Kredit wahrzunehmen.